Von Karl Lüönd

Wenige Menschen haben das Leben der Schweizer im 20. Jahrhundert so sehr verändert wie der Gründer der Migros. Das Geschäftsprinzip von Gottlieb Duttweiler war das der Eierfrau: Bei tiefem Preis setzt man grosse Mengen ab – und macht Profit.

Was heute in der ganzen Schweiz als leuchtend oranges M bekannt
ist, begann 1925 mit sechs Artikeln: Zucker, ­Kaffee, Teigwaren, Reis, Kokosfett und Seife. Die Waren wurden mit fünf umgebauten Ford-Lastwagen den Hausfrauen ins Quartier gebracht. Das hielt die Kosten tief, weil keine Mieten für Ladenlokale anfielen, der Verkaufsvorgang dank gerader Preise und ungerader Gewichte sehr schnell ablief und keine flauen Verkaufszeiten auftraten, weil die Lieferwagen einen straffen Fahrplan ­befolgten. Das neue Verkaufssystem hatte der aus Oberweningen stammende Gottlieb Duttweiler ersonnen, nachdem er als Rohwarenhändler zuerst gute Geschäfte gemacht, dann aber seinen Reichtum wieder verloren hatte.
Den Namen für sein neues Unternehmen fand Gottlieb Duttweiler im Prinzip, nach dem dieses funktionierte: Die Preise waren in der Mitte zwischen Gross- und dem Detailhandel angesetzt – also «mi-gros». Die Migros war geboren.
Ob jedoch seine neue Idee «Tiefer Preis, hoher Umsatz» Erfolg haben würde, war lange nicht klar. Denn es fielen auch enorme Kosten für die Werbung an. Und in den ersten drei Jahren überlebte sein Experiment nur dank geduldiger Kapitalgeber. Erst als das System mit den Verkaufswagen über Zürich hinauswuchs, war eine Grösse erreicht, welche das Überleben sicherte. Jetzt wurden auch feste Läden eingerichtet. 1931 waren es schon deren 44 – gegenüber 33 Verkaufswagen. Und das angebotene Sortiment wurde laufend erweitert. Die Migros wuchs.
Doch nicht alle freuten sich darüber. Der Einzelhandel und die Markenartikel­industrie boykottierten den Aussenseiter, wo sie nur konnten. Die Bauern fürchteten um die Produktepreise, die Sozialdemokraten und Gewerkschafter um die Marktpo­sition ihrer Konsumgenossenschaften. Es wurde Druck auf die Gemeindebehörden ausgeübt, den Verkaufswagen die Bewilligungen zu entziehen. Wo dies nicht gelang, wurden die Standgebühren massiv erhöht.
Doch jeder Angriff und jede Schikane mobilisierte Sympathien bei den Kunden und machte die Migros nur beliebter. Um den Lieferboykott zu umgehen, tätigte Händler Duttweiler den Einkauf unter Deckadressen. Weil er damit aber nicht auf die Mengen kam, die er mittlerweile absetzen konnte, blieb ihm keine andere Wahl, als selber Fabrikant zu werden. Zuerst kaufte er die Alkoholfreie Weine und Konservenfabrik A.-G. Meilen und machte zum Ärger der Bierbrauer deren Süssmost populär – wie immer mit abenteuerlich niedrigen Preisen, welche seine Umsätze hochpeitschten. Ähnlich verfuhr er kurz darauf mit Schokolade, Joghurt, Butter und Konserven. Produktionsbetrieb um Produktionsbetrieb gruppierte er so um die Migros und wurde von anderen Herstellern unabhängig.

Mit Portraits von

Boris Blank, Denise Biellmann, Max Bircher, Gottlieb Duttweiler, Richard Ernst, Tom Gabriel Fischer, Daniel und Markus Freitag, H.R. Giger, Globi, Franz Hohler, Daniel Keel, Werner Keiser, Julius Maggi, Dieter Meier, Harald Naegeli, Wim Ouboter, Roger Schawinski, Toni Vescoli, Andreas Vollenweider u.v.m.
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Während in den frühen 1930er-Jahren der Schweizer Detailhandel unter Kaufkraftschwäche und Lohnsenkungen litt, florierte die Migros. Doch damit brachte Duttweiler eine wachsende politische Koalition gegen sich auf. Der Druck wurde so gross, dass der Bundesrat 1933 das sogenannte Filialeröffnungsverbot erliess – ausgerechnet in dem Moment, als die Migros zum Sprung in die französische und in die italienische Schweiz hatte ansetzen wollen.
Was also tut Pionier Duttweiler, wenn man ihn nicht lässt? Er weicht aus. Und so ebnete die staatlich verordnete Wachstumsbremse ungewollt den Weg für die Expansion der Migros-Idee in neue Branchen. So eröffnete Duttweiler 1935 den Hotelplan als schweizerische Antwort auf die erfolgreichen faschistischen Freizeit- und Reiseprogramme wie «Kraft durch Freude» und «Dopo lavoro». Es war Duttweilers erstes genossenschaftliches Projekt und half der darniederliegenden Schweizer Hotellerie, indem es neue Gästeschichten mobilisierte. Und wieder bewährte sich das «Eierfraueli-Prinzip», das schon den Lebensmittel­läden zu Erfolg verholfen hatte: «Je weniger Marge ich nehme, desto mehr Ware verkaufe ich.»
Eine logische Reaktion auf die geschäftlichen Anfeindungen von allen Seiten war auch Duttweilers Einstieg in die Politik. Er stemmte sich gegen den amtlich verordneten Wachstumsstopp: 230 000 Schweizerinnen und Schweizer unterzeichneten eine Petition gegen das Gesetz, aber ohne Erfolg. Die Migros blieb dem Filialverbot unterstellt. Die tückische Begründung der Regierung lautete, die Migros sei eben eine ­Aktiengesellschaft. Die genossenschaftlich organisierten Konsumläden dagegen blieben verschont. Wegen dieser offenen Willkür trat der Migros-Gründer 1935 mit einer «Liste der Unabhängigen» zu den Nationalratswahlen an – und errang im ersten Anlauf einen sensationellen Erfolg: Im Kanton Zürich wurde die Migros-Partei mit einem Stimmenanteil von 18,3 Prozent auf Anhieb die zweitstärkste politische Kraft.

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